Siemens-Innovationscampus: Berliner Mischung 2.0 statt Industrieflächensicherung?

Siemens investiert in Berlin
Siemens investiert in Berlin. Foto: regioconsult

Dieses Mal hat sich Berlin im Wettbewerb um eine Großinvestition eines Industrieunternehmen durchsetzen können: 600 Millionen Euro will die Siemens AG an der Stelle ihrer ursprünglichen Heimat, in Siemensstadt, verbauen. Die “Berliner Mischung” soll als Leitbild dienen. Unzweifelhaft ein großer Erfolg für das Ansiedlungsteam der Wirtschaftsverwaltung und eine Stärkung des Wirtschaftsstandorts Berlin.

Doch bei allem Jubel wirft diese Entscheidung für uns doch auch einige industriepolitische Fragen auf. Zur Erinnerung: Die betroffene Fläche ist als Gebiet 15 Teil des Entwicklungskonzepts für den produktionsgeprägten Bereich und gehört damit zu den am stärksten für Industrie und produzierendes Gewerbe gesicherten Flächen in Berlin. Das Konzept, das den Kern des Stadtentwicklungsplans Industrie und Gewerbe bildet, definiert klar, welche Nutzungen hier erwünscht und zulässig sind: Wohnen, Unterhaltung und Einzelhandel sind auf diesen Flächen ebenso kategorisch ausgeschlossen wie reine Bürogebäude.

Ist diese Entscheidung also Ausdruck einer Umsteuerung in der Industriepolitik des Berliner Senats?  Eine Abkehr vom rein auf Flächensicherung ausgerichteten Denken hin zu einem integrierten Entwicklungsansatz, der mögliche Veränderungen in der Produktion antizipiert und die Stadt dabei primär als Standort für urbanes, wohnverträgliches Gewerbe sieht? Welchen Platz aber haben darin noch die “einfachen” gewerblichen Nutzungen? Wie wirkt sich eine derartige Strategie auf die Entwicklung der Preise für Gewerbeflächen aus? Und: Welche Konsequenzen hat dies für die anderen Flächen des Entwicklungskonzepts für den produktionsgeprägten Bereich, bei denen teilweise ebenfalls massive Bestrebungen verschiedener Eigentümer zu einer Erweiterung der Nutzungsmöglichkeiten bestehen?

Oder handelt es sich hier lediglich um ein Lex Siemens, das der überragenden Bedeutung des Unternehmens für den Wirtschaftsstandort Berlin Rechnung trägt und dem Investor Siemens andere Regeln einräumt, als sie für alle übrigen Eigentümer gelten?

Um nicht missverstanden zu werden: Der Standort als solcher ist für den geplanten Innovationscampus ausgesprochen geeignet. Wir hatten seinerzeit bereits in unserem Gutachten für die Nachnutzung des Geländes des Flughafen Tegels auf die guten Bedingungen hingewiesen, die dieser Raum für eine innovative, produktionsorientierte und auf Technologien der Zukunft ausgerichtete Nutzung bietet.

Dennoch – schon ein kurzer Blick in den Tagesspiegel offenbart einige Widersprüche:

„Ziel ist es laut Siemens, das Areal in Spandau bis zum Jahr 2030 zu einem Technologiepark zu entwickeln. Es soll demnach auch ein “urbaner Stadtteil der Zukunft” entstehen.“
Tagesspiegel 31.10.2018-a

„Joe Kaeser, Vorstandvorsitzender von Siemens, und sein aus Berlin stammender Kollege, Cedrik Neike, sind fest davon überzeugt, dass hier, in Siemensstadt, die berühmte „Berliner Mischung“, das Miteinander aus Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Einkaufen wieder entstehen kann, das die Stadt in ihrer Blütezeit so lebenswert machte.“
Tagesspiegel, 1.11.2018

„Rund um das alte Dynamowerk von 1907 und in der Nachbarschaft zum Verwaltungsgebäude des Technologiekonzerns am Rohrdamm soll auf einer Fläche von 70 Hektar ein Innovationscampus entstehen, auf dem innovative Fertigungsmethoden entwickelt und eingesetzt werden. Dafür sollen Forschungs-, Fach- und Gründerzentren, außeruniversitäre Einrichtungen und Start-up-Firmen angesiedelt werden. Analog zum Gründungskonzept der Siemensstadt 1897 will der Technologiekonzern dort Arbeiten, Forschung und Wohnen vereinen und ein „vernetztes Ökosystem mit flexiblen Arbeitsbedingungen, gesellschaftlicher Integration und bezahlbarem Wohnraum“ schaffen, sagte Kaeser. Rund 2.000 Wohnungen sollen in der Siemensstadt 2.0 entstehen.“
Tagesspiegel 31.10.2019-b

„Eine Modellstadt wird nach dem Willen von Politik und Unternehmensleitung hier entstehen. In ihr können Wissenschaft, Forschung, Hochschulen und Start-ups gemeinsam mit dem global agierenden Konzern Produkte für die digitale Welt von morgen entwickeln.“
Tagesspiegel 1.11.2018

„Wenn in Siemensstadt im Rahmen des Forschungs- und Wissenschaftscampus 200.000 Quadratmeter Wohnfläche entstehen, die Hälfte davon zu günstigen Mieten, ist das eine wichtige Voraussetzung für eine Modernisierung mit menschlichem Antlitz, die nicht Scharen von Gentrifizierungsopfern wie Abfall produziert.“
Tagesspiegel 1.11.2018

„Das Gründungskonzept der Siemensstadt im Jahr 1897 hat darin bestanden, Arbeiten, Forschung und Wohnen zu vereinen“
Joe Kaeser, Siemens 31.10.2018-a

Es geht um ein „vernetztes Ökosystem mit flexiblen Arbeitsbedingungen, gesellschaftlicher Integration und bezahlbarem Wohnraum“.
Joe Kaeser, Siemens 31.10.2018-a

„Für die Ansiedlung in Berlin hatte Siemens vom Senat Zugeständnisse ver-langt, etwa beim Denkmalschutz und bei Baurechten auf dem Gelände, auf dem das alte Dynamowerk und das Schaltwerk stehen. Zudem müsse die Verkehrsanbindung verbessert und die Ausstattung mit Breitband-Internet sichergestellt werden.“
Tagesspeigel, 31.10.2018-a

„Joe Kaeser und Siemens-Vorstand Cedrik Neike betonten am Mittwoch mehrfach, wie Berlin „beeindruckend“ seine Hausaufgaben gemacht und innerhalb von acht Wochen ein Konzept vorgelegt habe. Ressortübergreifend arbeiteten der Bezirk Spandau, die Senatskanzlei und die Fachverwaltungen zusammen.“
Tagesspeigel, 31.10.2018-b

„So soll beim Breitbandausbau Siemensstadt mit Priorität berücksichtigt werden. Aktuell liegt der Bezirk Spandau beim Ausbau im Vergleich der Berliner Bezirke zurück.“
Tagesspeigel, 31.10.2018-b

„Siemens darf die mehr als 100 Jahre alten Industriebauten in Siemensstadt für den Campus nun entkernen, um darin moderne Innenarchitektur zu ver-wirklichen. Beim Denkmalschutz und Baurecht kamen Lederer und die Denk-malschutzbehörde dem Konzern weit entgegen.“
Tagesspeigel, 31.10.2018-b

„Dass dieser Senat, wenn es darauf ankommt, wenn es um eine Jahrhundert-Chance geht, zu schnellem und einvernehmlichen Handeln fähig ist, beruhigt – für den Moment.
Und es weckt die Hoffnung, der rasche Erfolg könne alle Akteure ermutigen, künftig öfter so vorzugehen.“
Tagesspiegel, 1.11.2018

Referenzierte Tagesspiegel-Artikel:

31.10.2018-a: https://www.tagesspiegel.de/berlin/innovationscampus-in-der-hauptstadt-siemens-investition-jubel-und-sorge/23250766.html
1.11.2018: https://www.tagesspiegel.de/berlin/600-millionen-investtition-in-berlin-siemens-projekt-ist-wichtiger-schritt-in-die-zukunft/23253490.html
31.10.2018-b: https://www.tagesspiegel.de/berlin/der-innovationscampus-von-siemens-wie-der-senat-das-600-millionen-projekt-nach-berlin-holte/23253790.html

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*