Was Beschäftigte in Gewerbegebieten wollen. Teil 1: Mobilität

Weg zur Arbeit in der Berliner Herzbergstraße
Weg zur Arbeit in der Berliner Herzbergstraße

Gewerbeflächenentwicklung hat viel mit den Anforderungen von Unternehmen, den Wünschen von Investoren und den Vorstellungen von Stadtplanern zu tun. Im Focus der Debatten um die Zukunft von Gewerbestandorten stehen daher häufig die stadtstrukturelle Integration, infrastrukturelle Rahmenbedingungen, Umweltbelange oder der Schutz der Anwohner. Aber wie sieht es eigentlich mit den Belangen der Beschäftigten aus, die dort ihr halbes Leben verbringen? In zwei Gewerbegebieten haben wir nachgefragt – u.a. zu den Themen Arbeitsweg und Aufenthaltsqualität. Die Beschäftigtenbefragungen wurden im Rahmen des ExWoSt-Forschungsprogramm zur nachhaltigen Weiterentwicklung von Gewerbegebebieten durchgeführt.

Die Gewerbegebiete: Innerstädtisch vs suburban

Zwei Gewerbegebiete: Das eine, Kassel Waldau-West, liegt in der Mitte der Republik, unmittelbar angebunden an mehrere Autobahnen, am Stadtrand von Kassel. Die Fläche wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Flugplatzes in den 80er und 90er Jahren entwickelt. Ansässig sind heute vor allem kleinere und mittlere Betriebe mit einem gewissen Schwerpunkt auf Produktionsunternehmen, logistikaffinen Branchen sowie Bildungseinrichtungen. Zwar sind die Gebäude etwas in die Jahre gekommen, das Erscheinungsbild ist jedoch insgesamt vergleichsweise aufgeräumt und grün.

Ganz anders die Situation am stark von seiner Innenstadtrandlage geprägten zweiten Beispiel, der Berliner Herzbergstraße. Dieser zum Ende des 19. Jahrhunderts entstandene ehemalige Großindustriestandort wandelte sich nach der Wende und dem damit einhergehenden Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie zu einem kleinteiligen, teilweise von Unternutzung geprägten Gebiet. Heute besteht hier ein bunter Mix aus produzierendem Gewerbe, Handwerk, Logistik, Großhandel, und Kreativwirtschaft – und der Veränderungsdruck ist hoch.

Der Arbeitsweg: Priorität für den ÖPNV?

Die Unterschiede bei der Verkehrsmittelwahl spiegeln die jeweilige Ausgangssituation wider: Der MIV stellt zwar auch am innerstädtischen Standort Herzbergstraße das wichtigste Verkehrsmittel dar, dessen Anteil am Modal Split ist jedoch mit gut 40 % nur etwa halb so groß wie im Vergleichsstandort Waldau. Dafür werden in der Herzbergstraße ÖPNV und Fahrrad deutlich stärker genutzt. In Waldau weist die Verkehrsmittelwahl auf einen typischen PKW-orientierten Gewerbestandort mit eigener Autobahnzufahrt hin. Davon profitieren offenbar auch zahlreiche aus dem Kasseler Umland anfahrende Beschäftigte.

Trotz der schlechteren Anbindung an das ÖPNV-Netz und des weiteren Arbeitswegs am Standort Waldau-West ist letzterer hinsichtlich der Anfahrtsdauer im Vorteil gegenüber seinem innerstädtischen Pendant in Berlin. Die Beschäftigtenbefragung zeigt: Mehr als drei Viertel der Mitarbeiter erreicht ihren Arbeitsplatz in Waldau-West in maximal 30 Minuten, obwohl durchschnittlich etwa 21 km zurückzulegen sind. Dagegen brauchen rund die Hälfte der Beschäftigten am innerstädtischen Standort Herzbergstraße mehr als eine halbe Stunde für ihre Anfahrt.

Vor diesem Hintergrund erstaunt nicht, dass die Zufriedenheit mit der Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes in Kassel Waldau-West mit 79 % etwas höher ausfällt, als dies am Standort in Berlin (69 %) der Fall ist. 

Die Beschäftigtenbefragung zeigt großes Interesse an einer Veränderung der Situation: Trotz der klaren MIV-Ausrichtung des Standorts kann sich jeder vierte Beschäftigte in Waldau einen Umstieg auf ein umweltfreundlicheres Fortbewegungsmittel vorstellen – und zwar überwiegend auf den ÖPNV, jeder Fünfte auf das Fahrrad.  Auch in der Herzbergstraße sind rund 20 % der Befragten an einer Veränderung interessiert. Und an beiden Standorten ist das Interesse an einer E-Bike-Nutzung hoch.

Auf der Wunschliste: Fahrradwege, ÖPNV und mehr Parkplätze

Der Wunsch nach einer Verbesserung der Fahrradinfrastruktur ist den Befragten über beide Standorte gesehen insgesamt am wichtigsten. Diese Notwendigkeit haben also zumindest teilweise auch (noch-) Autofahrer im Blick. Könnte es also sein, dass hier Potenzial für einen umweltfreundlicheren Modal Split besteht?

Angesichts des hohen Anteils an MIV-Pendlern überrascht es kaum, dass sich die Befragten in Waldau-West an erster Stelle eine Verbesserung der Stellplatzsituation wünschen. In der Herzbergstraße weiß man offenbar, dass Fahrrad und ÖPNV potenziell die schnellsten Alternativen darstellen. Entsprechend werden hier Forderungen nach Verbesserungen der Anbindung in diesen Bereichen laut. Denn die innerstädtische Lage des Gewerbegebiets ist vor allem dann ein Vorteil, wenn die Beschäftigten tatsächlich von kürzeren Wegezeiten profitieren. Offenbar kann das Gewerbegebiet Herzbergstraße trotz Tram- und Busanbindung diese Lagegunst derzeit noch nicht vollständig ausnutzen.

Zukunftsthemen wie Elektromobilität oder Carsharing spielen an beiden Standorten – vom E-Bike abgesehen – noch eine eher untergeordnete Rolle. Obwohl die Herzbergstraße vergleichsweise innenstadtnah liegt, ist das Gewerbegebiet nicht in den Geschäftsgebieten der großen Car-Sharing Anbieter enthalten – und auch nur 5 % der Befragten wünscht sich hier eine Verbesserung der Situation.

Ob am innerstädtischen Standort Herzbergstraße oder in der Stadtrandlage Waldau-West: Der Anteil des Umweltverbundes am Modal Split ist noch (zu) gering. Und die Henne-Ei-Frage – braucht es eine verbesserte  Anbindung oder mehr Nutzer – ist in der öffentlichen Diskussion an beiden Standorten aktuell. Dies gilt sowohl für den kommunalen ÖPNV wie auch für die noch dringend zu verbessernden ebenfalls von der Kommune zu verantwortenden Radwegeanbindungen. 

Der Weg zum nachhaltigen Gewerbegebiet führt notwendigerweise jenseits der ohnehin zu lösenden Frage des Güterverkehrs ganz offenkundig nur über kreative Ansätze, vielleicht auch mutige Entscheidungen und an vielen Stellen aktive Überzeugungsarbeit. Dass nur jeder siebte Beschäftigte in der Herzbergstraße ein Jobticket nutzt sollte zu denken geben. Und dass die Rahmenbedingungen für den Start in das elektromobile Zeitalter generell verbessert werden müssen dürfte common sense sein. Alleine: Vor Ort merkt man diesbezüglich noch wenig. Und die Frage, inwieweit die e-mobile Infrastruktur eine öffentliche Aufgabe ist, muss ebenfalls geklärt werden.

Hintergrund: Wir bieten die Befragung von Beschäftigten im Rahmen von Projekten zur Gewerbeflächenentwicklung standardmäßig an. Diese eröffnen zusätzliche Einblicke in die Potenziale und Defizite der Standorte und haben sich als Instrument zur Einbeziehung von Stakeholdern bewährt. Wenn Sie an einer Beschäftigtenbefragung für ihren Standort interessiert sind oder Sie mehr über die Arbeit von regioconsult erfahren möchten, besuchen Sie uns auf www.regioconsult.de oder sprechen Sie uns direkt an: info@regioconsult.de

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