Was Beschäftigte in Gewerbegebieten wollen. Teil 2: Weiche Standortfaktoren

Imbiss im Gewerbegebiet
Imbiss im Gewerbegebiet. Foto: regioconsult.

Gewerbeflächenentwicklung hat viel mit den Anforderungen von Unternehmen, den Wünschen von Investoren und den Vorstellungen von Stadtplanern zu tun. Aber wie sieht es eigentlich mit den Belangen der Beschäftigten aus, die dort ihr halbes Leben verbringen? In zwei Gewerbegebieten haben wir nachgefragt – u.a. zu den Themen Arbeitsweg und Aufenthaltsqualität. Die Befragungen wurden im Rahmen des ExWoSt-Forschungsprogramm zur nachhaltigen Weiterentwicklung von Gewerbegebieten durchgeführt.

Nachdem im ersten Teil dieses Artikel-Zweiteilers das Thema Mobilität im Fokus stand, befassen wir uns diesmal mit den Wünschen der Arbeitnehmer im Hinblick auf die weichen Standortfaktoren am Arbeitsort.

Die Aufenthaltsqualität rund um den Arbeitsplatz mag in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit keine große Rolle für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gespielt haben. Doch die Betriebe müssen umdenken: Im Wettbewerb um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden die weichen Faktoren zunehmend wichtiger. Wo Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen sollen, möchten sie sich wohlfühlen. Dies betrifft nicht nur ein möglichst attraktives Umfeld für die Mittagspause, sondern auch die lokale Infrastruktur, das Image des Arbeitsumfeldes oder vorhandene Dienstleistungsangebote.

An den beiden unterschiedlichen Gewerbestandorten – einer “innerstädtisch”, im Berliner Bezirk Lichtenberg gelegen, der andere an einem Standort “auf der grünen Wiese” bei Kassel – fragten wir zunächst nach der Einschätzung verschiedener Standorteigenschaften, die mit einer positiven Arbeitsumgebung in Verbindung gebracht werden.

Wahrnehmungsunterschiede und ungleiche Vorbedingungen

Im Standortvergleich zeigten sich deutliche Unterschiede: Bei allen abgefragten Faktoren wurde das Gebiet am Kasseler Stadtrand von den Beschäftigten besser bewertet, als sein Berliner Pendant. Besonders deutlich war die Diskrepanz bei den konkreteren Aspekten wie Sicherheit und Sauberkeit, aber auch in den abstrakteren Kategorien wie der allgemein empfundenen Dynamik des Gebiets oder seiner Arbeitnehmerfreundlichkeit schnitt Waldau-West besser ab.

Innerstädtische Gewerbestandorte sind zumeist Bereiche der Stadt, die in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich gegenüber anderen Quartieren zurückfallen. Auch im Vergleich mit Gebieten auf der grünen Wiese sind sie dabei offenbar im Nachteil. Das Gebiet Herzbergstraße ist geprägt von teils veralteter Bausubstanz sowie unter- oder fehlentwickelten Flächen. Der große Veränderungsdruck der wachsenden Stadt ist hier angekommen und führt zu sich ständig verändernden Struktur. Diese Kombination von Altgewerbe, flächenextensiven Nutzungen mit der teilweise unklaren Entwicklungsperspektive führt offenbar zu einer Mischung, die als wenig attraktiv, eher weniger sauber und sicher wahrgenommen wird.

Weniger deutlich sind die Wahrnehmungsunterschiede den Bereichen Dynamik und Arbeitnehmerfreundlichkeit. Hier wäre sogar ein besseres Abschneiden des innerstädtischen Standorts zu erwarten gewesen, da er arbeitnehmerfreundlich nahe an den Wohnorten der Belegschaft liegt und – nicht zuletzt durch die Veränderungen und den Zuzug zahlreicher Kreativschaffender – auch ein durchaus dynamisches Bild abgibt. Allerdings scheint die Beschäftigten eine andere Dynamik – möglicherweise die Entwicklungskraft der insgesamt größeren Unternehmen in Kassel – stärker zu beeindrucken.

Dass nicht alles an den unveränderlichen Standorteigenschaften der beiden Gebiete liegen muss zeigt ein Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre: In Kassel wird von den Unternehmen großer Wert auf das Image des “grünen Gewerbestandorts” gelegt und dieses aktiv gefördert. So führte das dortige Unternehmensnetzwerk eine Pflanzaktion durch, zudem legen die ansässigen Betriebe durchaus Wert auf eine attraktive Gestaltung der Grünflächen vor ihren Gebäuden. Ein vergleichbares Unternehmensnetzwerk in der Herzbergstraße steht dagegen noch relativ am Anfang seiner Entwicklung.

Die Mittagspause ist ein Ritual

Bemerkenswert sind die Ergebnisse der Frage nach dem Ort, an dem die Beschäftigten ihre Mittagspause verbringen. Denn trotz der großen Unterschiede der beiden Standorte im Bereich des öffentlichen wie privaten Grüns – hier hat Waldau-West in Kassel deutlich mehr zu bieten – ist das Verhalten der befragten Beschäftigten nahezu identisch. Lediglich einen kleinen Vorsprung haben die Kantinen und Imbissbuden in der Herzbergstraße, während man am “grünen” Standort Waldau-West lieber mal im Freien isst. Eindeutiger Gewinner an beiden Standorten ist die Mittagspause am Arbeitsplatz – und das obwohl ein Ortswechsel für die Pause unter anderem von Krankenkassen empfohlen wird.

Gerade bei innerstädtischen Gewerbestandorten wäre ein attraktives Angebot für die Mittagspause sicherlich denkbar. Dem entgegen steht aber gerade in der Herzbergstraße die planungsrechtliche Einschränkung für die Ansiedlung von mehr Gastronomie oder anderer kultureller Einrichtungen. Durchaus vorhanden sind allerdings Sportstudios – und auch Bewegung ist eine dringende Empfehlung für die “gesunde Mittagspause”. Notwendig wären hierfür möglicherweise eine stärkere Gewichtung des Themas Mitarbeitergesundheit gerade in der Geschäftsführung der Betriebe.

Wunsch und Möglichkeit

Mit Blick auf eine mögliche Verbesserung der Situation wurden die Beschäftigten nach ihren Veränderungswünschen befragt. Besonders häufig genannt werden an beiden Standorten zunächst Punkte, die sich mit dem geltenden Planungsrecht oder den kommunalen Planungszielen kaum vereinbaren lassen, also beispielsweise mehr Einkaufsmöglichkeiten sowie gastronomische Einrichtungen. Dass man den Mitarbeitern trotzdem möglichst weit entgegenkommen sollte, zeigt schon ein Blick auf engen Arbeitsmarkt, vor allem für handwerkliche Berufe. Hier gilt es Ansätze zu entwickeln, die einerseits nicht die planerischen Bemühungen konterkarieren, andererseits jedoch zu einer Aufwertung der Qualität der Standorte beitragen.

Auch hier können Unternehmensnetzwerke unterstützen: Die gegenseitige Öffnung von Kantinen, die gemeinsame Gestaltung von öffentlichen Freiflächen oder ein unternehmensübergreifendes Angebot von Freizeitangeboten für Angestellte des Gewerbegebiets sind allesamt denkbare Handlungsoptionen.

Hintergrund: Mitarbeiterbefragungen werden von regioconsult im Rahmen von Projekten zur Gewerbeflächenentwicklung angeboten. Sie erlauben zusätzliche Einblicke in die Potenziale und Defizite der Standorte und bewähren sich als Instrument zur Einbeziehung der Stakeholder. Wenn Sie mehr über die Arbeit von regioconsult erfahren möchten, besuchen Sie uns auf www.regioconsult.de oder sprechen Sie uns an: info@regioconsult.de

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*